Fernweh, Groove und kollektive Trance: Klaus Doldinger's Passport - Adventure Live

Fernweh, Groove und kollektive Trance: Klaus Doldinger's Passport - Adventure Live Hot

Nico Steckelberg   28. Januar 2018  
Fernweh, Groove und kollektive Trance: Klaus Doldinger's Passport - Adventure Live

Bericht

Veranstaltungsort
Veranstaltungsdatum
17. Dezember 2017

Hörspiegel-Bericht

Es ist Mitte Dezember. Draußen ist es kühl, die Einkaufsmeile der Kölner Innenstadt leuchten in vorweihnachtlichem Schein. Am Fuß des Doms tummeln sich wetterfest gekleidete Menschen an Glühwein- und Mandelständen. Mich hingegen zieht es heute Abend an einen anderen Ort. Und dieser „andere Ort“ – gemeint ist lediglich in geografischer Hinsicht die Kölner Philharmonie – ist vielmehr als ein Portal zu verstehen. Denn das Konzert, das an diesem Abend hier stattfindet, entführt seine Besucher in eine Welt des Fernwehs und der Reiselust. Sommer, Hitze, Orient – das sind die Bilder, die in den nächsten Stunden in der Vorstellungskraft der Konzertbesucher entstehen werden.

Dabei mag es auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen, auf das Konzert eines über 81-jährigen Musikers zu gehen. „Musikantenstadl oder was?“ höre ich da schon die Unkenrufe. Weit gefehlt, denn wir sprechen hier nicht von irgendeinem Altherrenchor aus Köln-Vogelsang, sondern von einem der erfolgreichsten Komponisten und Jazzmusiker Deutschlands: Klaus Doldinger.

Viele kennen ihn als den Mann, der mit seinen Soundtracks zu „Das Boot“ oder „Die unendliche Geschichte“ in den 1980er-Jahren für Gänsehaut in deutschen Wohnzimmern und Kinosälen gesorgt hat. Und noch heute hört man als treuer Krimi-Fan jeden Sonntag ein Stück von Klaus Doldinger: Die „Tatort“-Melodie. Das aktuelle Programm seiner Band „Klaus Doldinger’s Passport“ heißt „Adventure“. Grund genug, sich dieses Abenteuer einmal näher anzuschauen und anzuhören.

Köln ist für Doldinger nicht fremd, und so begrüßt er seine Zuschauer mit einer Geschichte aus seinem Leben. Wir erfahren, dass er bereits als 3-Jähriger in Köln gelebt hat. Das war 1939. Heute ist er etwas älter, freut sich aber umso mehr, wieder hier zu sein. Es soll nicht die letzte Anekdote sein, von der er heute berichtet. Die Pausen zwischen den Tracks wird der Saxophonist und Entertainer immer wieder dazu nutzen, kleine Geschichten aus seinem Leben zu erzählen. Dabei hält er das Mikrophon ungefähr so, wie Dieter Thomas Heck zu Hitparade-Zeiten. Er wirkt dabei sehr sympathisch, und man hört ihm gern zu.

Wenn dann jedoch die ersten Töne der Musik erklingen, ist all das verwischt und die Reise – das „Adventure“ – beginnt. Es sind keine reinen Jazz-Kompositionen, die die Band Passport hier zum Besten gibt. Es ist jede Menge Weltmusik, Lounge, psychedelische Akustik und Elektronik zu hören. Sphärenklänge dürfen dabei genauso wenig fehlen wie Drumloops und Percussion. Gelegentlich rockt es auch mal.

Die Musiker des Abends sind neben Klaus Doldinger am Saxophon und der Flöte (welche er einem afghanischen Straßenhändler für 1 D-Mark abgekauft hat),  Martin Scales an der Gitarre und sein Bruder Patrick am Bass. Die Keyboards bedient der unfassbar talentierte Michael Hornek. An den Drums sitzt Christian Lettner, rechts von ihm haben sich Biboul Darouiche und Ernst Stroer hinter den diversen Percussion-Instrumenten verschanzt. Man erkennt schon an der Zusammenstellung der Musiker, wie Rhythmus-orientiert der Abend werden wird.

Es ist nicht die typische Reduktion, die man oft aus dem Jazz kennt, welche Passports Musik ansprechend und interessant macht. Es ist die Vielzahl verschiedener Soundlayer, die sich gegenseitig ergänzen und eine klangliche Emulsion mit hohem Befriedigungsfaktor bilden. Und trotzdem sind die Kompositionen reiz- und anspruchsvoll auf höchstem Maße, niemand versteckt sich hier hinter Sound oder Produktion. Die Melodie – die Geschichte – steht allem voran. Und da lässt es sich der Maestro auch nicht nehmen, seine Musiker explizit auf der Bühne zu loben: „Verrückt, dass man selbst einen 7/4-Talt zum Grooven bringen kann. Habt Ihr gut gemacht!“
Die Band wird bei einigen Stücken zusätzlich unterstützt durch den Marokkaner Majid Bekkas, der orientalischen Gesang, Ûd und Gimbri beisteuert. Er war schon oft als Studiomusiker auf den Passport-Alben zu hören. Mitgebracht hat er den ebenfalls marokkanischen Perkussionisten Rhani Krija, der zusätzliche Percs und Vocals beisteuerte und sogar ein Percussion-Solo zum Besten gibt. Und spätestens jetzt blüht das Herz eines jeden World Music-Fans auf. Auch die Soundtrack-Fans kommen nicht zu kurz, denn es gibt eine hübsch erdige Version der Titelmelodie von „Das Boot“, natürlich in der Live-Version mit Sax-Lead, die an die Fassung von Doldingers neuem Album „Symphonic Project“ (vgl. unser Review) angelehnt ist.

Schön, dass sich alle Instrumente gern dann und wann zurückziehen und den anderen Kollegen den Vorrang lassen. Jeder steht hier mal im Mittelpunkt. Und auch Klaus Doldinger lässt es sich nicht nehmen, den Bühnenmittelpunkt seiner Band zu überlassen. Er setzt sich dann außerhalb der Lichtkegel in den Schatten und wippt zu den Klängen seiner Songs mit dem Fuß. Er ist bei weitem nicht der einzige, den der Groove gepackt hat. Je später der Abend, desto dynamischer und „hibbeliger“ wird auch das Publikum. Kaum noch jemand, der zu fortgeschrittener Stunde noch ruhig auf seinem Platz sitzt. Alle sind im Flow, es ist beinahe wie eine kollektive Trance, ohne jegliche chemische Substanzen, rein auditiv übertragen. Toll!

Klaus Doldinger nutzte an diesem Abend immer wieder die Gelegenheit, über Themen zu sprechen, die ihn bewegen. Zum Beispiel, wie wichtig aus seiner Sicht der öffentliche Rundfunk und Institutionen wie die GEMA seien, um Kulturschaffende in Deutschland zu fördern. Der Gründer der GEMA, Erich Schulze, sei vor kurzem gestorben, im Alter von 104 Jahren. Zusammen mit seinem Kollegen Christian Bruhn wird Doldinger deshalb in der kommenden Woche im familiären Kreis ein kleines, intimes Konzert zu dessen Beerdigung geben (unser Interview mit Christian Bruhn aus dem Jahr 2010: Klick). 

Solche bewegenden Details findet man selten auf anderen Konzerten. Bei Klaus Doldinger schon. Denn ihm geht es nicht so sehr um die visuelle Show und den Glamour. Der blaue Anzug gepaart mit einer dezenten Lichtshow müssen da ausreichen. Aber echter Eindruck wird durch Klotzen gemacht, nicht durch Kleckern. Ihm geht es darum, ein gutes Konzert zu spielen und sein Publikum zu unterhalten. Er bedankt sich deshalb auch herzlich bei den vielen helfenden Händen, den Mitarbeitern des Konzerthauses und der Konzertagentur, die oft nicht wahrgenommen werden.

Und dieses Unaufgeregte, Unprätentiöse ist vermutlich eine der schönsten Begleiterscheinungen, die man nur auf dem Konzert eines 81-Jährigen Bandleaders zu sehen bekommt, der frisch im Kopf und offen im Herzen ist, nicht zuletzt, was fremde Klänge und Kulturen angeht.

„Adventure“ ist ein tolles Konzerterlebnis und nicht weniger als musikalische Völkerverständigung.

Weblink

http://klaus-doldinger.com/

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